Antrag zur Aufnahme in die Liste der Unwörter des Jahres

Das verneinende Nicken

An die Jurymitglieder Unwort des Jahres, an alle Schriftstellerinnen, Rapper, Sprachwissenschaftler

Liebe Jurymitglieder,

Alfredo ist ein Freund von mir und Schweizer Bürger, dem die Behörden nach seinem Unfall wider alle Humanität und Vernunft mithilfe eines der bizarrsten und manipulativsten Oxymora der Sprachgeschichte übel mitgespielt haben, so dass der Fall nicht nur seine Angehörigen, sondern auch die Gerichte beschäftigt. Am 7. März 2017 untersuchte ich die Behördenarchive in einer Kleinstadt nördlich des Rheins und fand dort äusserst erstaunlich anmutende Anhörungsprotokolle. Der urteilsunfähige und sprachlose Alfredo sollte aufgrund eines verneinenden Nickens [sic] in ein Heim eingewiesen werden. Da Alfredo nicht mehr sprechen kann, entschied ich, fortan für ihn zu sprechen und alles zu sagen, was er wohl sagen würde, wenn er der Sprache noch mächtig wäre. Es folgt die nachempfundene Aussage eines Sprachunfähigen:

Ich heisse Alfredo S. und habe mein ganzes Leben lang auf Baustellen gearbeitet. In den besten Jahren beschäftigte mein Metallbauunternehmen mehrere Dutzend Personen. Am 24. Oktober 2013 liess ich mein Hochzeitsfoto neu rahmen, und am Mittag zeigte ich es stolz meiner Frau. Ich nahm sie in die Arme und versicherte ihr, dass ich sie für immer liebe. Um 15 Uhr ging ich mit meinen zwei Pflegekindern ins Schwimmbad. In der Umkleidekabine wurde es mir schwindlig, und ich fiel in Ohnmacht.

Als ich wiedererwachte, lag ich in einem Spitalbett. Ich war halbseitig gelähmt und konnte nicht mehr sprechen. Das im Gehirn ausgetretene Blut hatte mein Sprachzentrum zerquetscht. Die den Emotionen als Sitz dienende Hälfte des Gehirns wurde vom Hirnschlag nicht beeinträchtigt. Ich fühle alles noch genau so wie früher, aber mit den Wörtern hatte ich fortan Mühe. Ich kann zwar meine Mitmenschen nach wie vor hören, aber sie sprechen eine Sprache, die nicht die meine ist. Als sich die Krankenschwester am Bett nach meinem Wohlergehen erkundigte, kam es mir vor, als spräche sie ein exotisches Kauderwelsch. Die einzige Person, die mich noch verstehen kann, ist meine Ehefrau: Sie liest mir meine Wünsche von den Augen ab.

Ich verbrachte lange Zeit in verschieden Heimen, wo meine Frau mich jeden Tag besuchte. Es war für sie immer klar, dass ich wieder nach Hause möchte. In den Heimen liess man mich oft im Bett liegen, und ich musste den ganzen Tag an die weisse Decke starren. Es ging mir immer schlechter, nur die Besuche meiner Frau gaben mir Hoffnung und hielten mich am Leben. «Alfredo», sagte sie, «ich nehme dich mit nach Hause, ich versprech‘ dir das!» Durch den schweren Schicksalsschlag war ihr Einkommen plötzlich auf null gefallen. Sie meldete sich beim Arbeitsamt und chrampfte rund um die Uhr. Schliesslich konnte sie die Pensionskasse auflösen, mit dem Geld einen Treppenlift kaufen und die Wohnung rollstuhlfähig umbauen. Im Oktober 2015 war es dann endlich so weit, dass ich nach Hause zurückkehren konnte. Wir haben eine Kleintierzucht mit Schafen und Ziegen, und als ich mein gewohntes Umfeld wiederfand, blühte ich auf, was auch dem Hausarzt, der Logopädin, der Ergo- und der Physiotherapeutin und dem Berufsbeistand auffiel, die sich alle positiv über meine Fortschritte äusserten.

Am 26. Januar 2017 schob mich meine Frau mit dem Rollstuhl in einen Lift. Mein linker gelähmter Fuss wurde von der automatischen Türe eingeklemmt und ich brach mir mein Bein.  Später wurde im Spital festgestellt, dass ich an schwerem Knochenschwund leide (T -5.5) und meine Knochen brechen wie morsches Holz. Man warf meiner Frau vor, sie hätte mich schlecht gepflegt, mich hungern lassen und mit falscher Ernährung vier Lungenentzündungen ausgelöst.

Mitte Februar 2017 wurde ich von einer Ärztin untersucht, die mir Fotos vorlegte, auf denen ich nach Nennung von Begriffen auf die entsprechenden Gegenstände zeigen sollte. Da ich die Wörter nicht verstand, war es mir unmöglich, auch nur eine einzige Aufgabe richtig zu lösen. In meinen Patientenakten steht dann auch mehr als zehn Mal geschrieben, dass ich nicht urteilsfähig sei.

Am 23. Februar 2017 öffnete sich die Tür: Die Vizepräsidentin einer Schaffhauser Behörde, eine Juristin und mein Berufsbeistand traten mit strenger Miene ein. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass ich seit meiner Hirnblutung an einer Kopfrotationsstörung leide, so dass ich andauernd mit dem Kopf nicken muss, obwohl ich das eigentlich gar nicht möchte. Es ist wie mit dem Augenblinzeln: Wenn man es verhindern will, kommt es erst recht, und man ist dem Reflex machtlos ausgeliefert.

Die Beamten hatten vor, mich anzuhören, um zu erfahren, ob ich lieber in einem Heim oder zu Hause leben wollte. Ferner wollten sie wissen, ob ich gegen meine fürsorgende und geliebte Ehefrau Klage einzureichen beabsichtigte, damit sie für die Heimkosten aufkomme. Da ich nur nicken kann, wäre es für die Beamten ein einfaches Spiel gewesen. Nun stellte mir jedoch die Juristin irrigerweise eine Frage, die in ihrem Sinn eine Negation verlangt hätte. Sie fragte, ob ich wieder zu meiner Frau nach Hause wollte. Wir immer nickte ich:

Gemäss der Juristin nickte ich auf die erste Frage verneinend. Bei der Frage, ob ich gegen meine Frau klagen wolle, nickte ich bejahend. In der Folge leitete der Berufsbeistand meine Einweisung in Heim vor. Als meine Bekannten von der fingierten Einvernahme hörten, protestierten sie lautstark gegen die Anhörung eines stummen, urteilsunfähigen Menschen, weil dies ganz offensichtlich mit dem gesunden Menschenverstand nicht vereinbar ist.

Am 2. März 2017 wurde die Anhörung wiederholt. Rückblickend scheint dies völlig unverständlich, aber die Juristin stellte erneut die gleiche Frage, auf die sie von mir eine Verneinung erwartete:

Am 7. März 2017 wurde ein Gerichtsurteil gefällt, das festhält, dass ich verneinend genickt hätte, und zu folgender Schlussfolgerung kam: «Der Wille von Alfredo S. ist es, in ein Alters- und Pflegeheim […] so schnell wie möglich eintreten zu können.» Es handelte sich um einen Dringlichkeitsbeschluss, der sofort umgesetzt werden musste, weil die Pflege durch meine umsorgende Ehefrau als lebensgefährlich eigestuft wurde.

Während den Anhörungen wartete ich vergeblich auf einen Arzt, der ins Zimmer treten und mich mit einem klärenden Wort aus dieser menschenunwürdigen Situation befreien würde. Aber die Leiterin des Sozialdiensts der Spitäler hielt fest, dass kein Arzt aufzubieten sei, der «genügend Wissen über den aktuellen medizinischen Verlauf hat und die Gesamtsituation überblickt», obwohl ich notabene schon seit mehreren Wochen in einem Spital lag, das über 220 Ärzte beschäftigt.

Hier wird noch ehrlich gelogen!
«Mit der E-Mail vom 22.2.2017 reichte die Leiterin des Sozialdienstes der Spitäler Schaffhausen einen Arztbericht ein» lesen wir im Urteil der KESB vom 7.3.2017. Alles falsch, schreibt der Rechtsdienst am 25.5.2017: «seitens Spitäler Schaffhausen [seien] zu keinem Zeitpunkt Patientendaten an die KESB weitergeleitet» worden. Die Staatsanwaltschaft und das Obergericht lehnten eine Untersuchung wegen Verletzung des Arztgeheimnisses ab.

Es scheint mir, dass die Anwesenheit eines Arztes einen derart unsinnigen Gerichtsbeschluss wohl verhindert hätte. Die ärztliche Ethik verbietet, Kranken wissentlich zu schaden. Ein wissenschaftlicher, durch das Patientenwohl geleiteter Denkansatz hätte vermeiden können, dass das in sich widersprüchliche «verneinende Nicken» als Hauptpunkt in einem Gerichtsurteil angeführt wird. Das Wort Nicken beinhaltet bereits den Begriff des Bejahens und kann unmöglich verneinend sein. Es ist ebenso unsinnig wie ein verheirateter Junggeselle oder ein rundes Dreieck. Emmanuel Kant nannte solche Schlüsse analytische Urteile, die a priori ohne Erfahrung gefällt werden können. Dank dieser Logik ist es ausgeschlossen, dass ein Arzt plötzlich eine lebendige Leiche entdeckt.

Für Sprachwissenschaftler ist das verneinende Nicken ein Oxymoron. Der Begriff stammt aus dem Griechischen: oxys bedeutet klug und moros steht für Unsinn. Der kluge Unsinn ist selbst ein Oxymoron. Solche rhetorischen Figuren haben nur in der Lyrik eine Bedeutung. Für Juristen sind Ausdrücke wie «schwarzer Schimmel» tabu – werden sie trotzdem verwendet, ergibt das bestenfalls «schöne Scheisse». Wie ein solcher Begriff zum Kernpunkt eines für mich existenziellen Gerichtsurteils werden konnte, ist beim besten Willen nicht nachvollziehbar.

Eigentlich verstand ich nicht im Entferntesten, was bei diesen Anhörungen abging, aber meine gesunde Hirnhälfte mit den Gefühlen verriet mir, dass ich mit meinem Nickreflex eine riesengrosse Ungerechtigkeit ausgelöst hatte. Ausgerechnet meine Frau, die ich über alles liebe und die immer zu mir gestanden hatte, würde nun vor Gericht gestellt werden. Ich schämte mich zutiefst und musste die ganze Nacht weinen. Am liebsten hätte ich laut geschrien, aber meine stillen Schreie verhallten im Leeren. Als ich eines Morgens erwachte, war mein Körper mit unzähligen Pickeln übersät und es biss mich überall. Meine Ärztin meinte, es handele sich um eine psychische Reaktion. Als meine Frau ins Spital kam, klammerte ich mich mit allen Kräften an ihr fest, so dass zwei Schwestern uns trennen mussten.

Das Obergericht benötigte 80 Tage, um herauszufinden, dass man nicht  verneinend Nicken kann.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Da ich bereits am dritten Tag im Spital aus dem Bett fiel, wurde ich mit einer Zewi-Decke aufs Bett geknebelt. Als Bauleiter hatte ich immer an der freien Luft unter offenem Himmel gearbeitet. Nun steckte ich in einer Art Zwangsjacke und durchlitt die unbeschreiblichsten klaustrophobischen Ängste. Es dauerte über vier Monate, bis das Obergericht in aller Seriosität über die Unmöglichkeit des verneinenden Nickens beraten und die Juristen schwindelerregende Beträge eingesackt hatten. Als früher auf der Baustelle ein Bauherr von uns eine «exakte Schätzung» verlangte, merkte auch der Dümmste in weniger als 0,4 Sekunden, dass dies als Witz gemeint war.

Mit meinem Antrag zur Wahl des verneinenden Nickens als Unwort des Jahres möchte ich gegen diese Art von Anhörungen protestieren. Ich will damit erreichen, dass künftig bei allen Anhörungen von stummen, dementen oder urteilsunfähigen Personen ein dem Patientenwohl verpflichteter Arzt anwesend ist, der mit den grundlegenden Funktionen des Gehirns vertraut ist und sachkundige Einschätzungen abgeben kann.

Dieses neue Unwort des Jahres soll die Bevölkerung und die Behörden für die Anliegen sprachunfähiger Personen sensibilisieren. Das verneinende Nicken ist das sprachliche Sinnbild für Behördenunsinn und -willkür.

Martin Bächtold für Alfredo S.